Dr. Günther Beckstein ist einer der bekanntesten Cochlea-Implantat-Träger Deutschlands. Der Jurist und CSU-Politiker erlebte infolge seines Rücktrittes als bayerischer Ministerpräsident 2008 mehrere Hörstürze, die ihn fast ertauben ließen. Auf dem diesjährigen EUHA-Kongress hielt Beckstein den Festvortrag zur Kongresseröffnung – und traf sich im Anschluss mit der „Hörakustik“-Redaktion zu einem Gespräch über seine Schwerhörigkeit, die Versorgung mit CI und Hörgerät sowie das Feingefühl seiner Hörakustikerin.


Hörakustik: Herr Dr. Beckstein, Sie tragen ein Hörgerät im rechten Ohr und seit 2010 auch ein Cochlea-Implantat im linken Ohr. Wann ist Ihnen das erste Mal aufgefallen, dass Sie schwerhörig sind?

Günther Beckstein: Dass ich nicht mehr gut höre, habe ich schon über viele Jahre im politischen Bereich gemerkt. Ich bin erblich belastet, mein Vater war schwerhörig, und so ab Mitte 50 habe ich gemerkt, dass es auch bei mir schlechter wird. Aber es war nicht problematisch. Dramatisch ist es geworden, nachdem ich 2004 bei dem Geburtstag eines guten Freundes war und während der Feier gemerkt habe, dass ich auf einem Ohr plötzlich gar nichts mehr höre.

Hörakustik: Wie haben Sie diese ja vermutlich sehr beängstigende Situation erlebt?

Günther Beckstein: Ich habe es zunächst auf eine Erkältung zurückgeführt, aber dann war schnell klar: Ich hatte einen Hörsturz. Ich habe mich behandeln lassen, die Folge ist das erste Hörgerät gewesen. Einige Jahre später, nach einer sehr turbulenten Zeit, in der ich als Ministerpräsident zurückgetreten bin, hatte ich eine ganze Serie von Hörstürzen auf dem anderen Ohr, auch einen starken Tinnitus. Da hat mir der Arzt gesagt: Jetzt ist das Cochlea-Implantat das Mittel der Wahl.

Hörakustik: Wussten Sie sofort, was ein Cochlea-Implantat, kurz CI, ist?

Günther Beckstein: Ich hatte keine Ahnung. Der Arzt hat mir das zunächst erklärt, ich bin dann noch zu einem zweiten Arzt zur Kontrolle gegangen. Man wird bei solchen Operationen ja von den Medizinern über tausend Komplikationen aufgeklärt. Aber das hat mich nicht sonderlich gestört. Ich bin es gewohnt, mit Risiken umzugehen.

Hörakustik: Hat sich Ihre Risikobereitschaft in diesem Fall gelohnt?

Günther Beckstein: Die Chance, dass ich nach der Operation wieder ordentlich höre, war groß. Und ich habe in der Zwischenzeit auch wieder ein Hörvermögen von etwa 85 Prozent erlangt. Bei der Musik hat es länger gedauert, aber in der Zwischenzeit kann ich mit dem CI auch Musik hören.

Hörakustik: Sind Sie nicht bereits vor Ihrem Hörsturz 2004 von anderen auf Ihr Hörvermögen angesprochen worden?

Günther Beckstein: Ich kenne es, wenn man ständig nachfragt: „Wie bitte?“ Meine Frau hat mich natürlich die ganze Zeit hart gepackt. Dramatisch ist es geworden, nachdem ich einmal in einer Talkshow nachfragen musste. Da hat es Anfragen gegeben, es ist eine politische Diskussion entstanden. Das war dann die ganz klare Indikation: Ich brauche dringend ein Hörgerät! Ich kann jedem nur sagen: Je früher man das macht, desto besser. Das Hören ist kompliziert, man muss es wieder lernen, wenn man es einmal verlernt hat. Je weniger man verlernt hat, desto besser ist es also, und je jünger man wieder alles lernt, desto gescheiter ist es.

Hörakustik: Mussten Sie selbst viel neu lernen? Oder hatten Sie früh genug reagiert?

Günther Beckstein: Ich bin Gott sei Dank zu einem Zeitpunkt tätig geworden, an dem ich noch relativ gut hören konnte. Und bei dem linken Ohr, in dem ich das CI habe, war es ja so, dass es ein dramatisches Ereignis gab, woraufhin mein Hörvermögen stark abgesunken ist. Das war nicht eine Frage von Monaten, sondern ich habe eine Serie von Hörstürzen gehabt. Danach hat man gemessen, dass ich einen starken, lauten Tinnitus habe – aber nur noch ein leises Hören.

Hörakustik: Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie mit dem Hörgerät und dem CI versorgt sind?

Günther Beckstein: Ich höre nicht wieder wie ein Junger, aber ich höre besser als die meisten in meinem Alter, die kein Hörgerät tragen. Ich kann im normalen Leben wieder vollständig mitwirken. Ich bin im kirchlichen Bereich tätig, und Kirchen haben in der Regel eine schlechte Akustik. Ich kann jetzt Fragen in der Kirche wieder verstehen, ich kann mich unterhalten. Es ist nicht ganz gut in großem Lärm, beispielsweise auf dem Oktoberfest. Aber da stelle ich fest, dass selbst Leute, die gut hören, größte Probleme haben. Also: Ich kann wieder voll am Leben teilnehmen und habe keine ernsthaften Beeinträchtigungen. Wenn manchmal sehr leise gesprochen wird, spiele ich etwas an den verschiedenen Programmen herum … (lacht). Aber ich habe in der Zwischenzeit auch den Mut, zu sagen: Bitte lauter! Weil ich mir sicher bin: Wenn ich’s nicht verstehe, dann verstehen es auch andere nicht.

Hörakustik: Was macht Ihnen nun, da Sie wieder gut hören, ganz besonders viel Freude?

Günther Beckstein: Ich liebe das Tschaikowsky-Violinkonzert, ein wunderbares Konzert, und es hat mich sehr beeinträchtigt, dass ich das nicht mehr hören konnte. Das geht nun wieder! Aber auch bei normalen Gesprächen, wenn fünf oder zehn Leute in der Gruppe zusammenstehen, ist es ja so, dass man die Hälfte nicht mitkriegt, wenn man schlecht hört. Und das ist so etwas von peinlich! Ich bin froh, dass ich frühzeitig beim Hörgerät und CI zugegriffen habe. Ich kann jedem nur sagen: Das Hören ist die Grundlage jeder Kommunikation. Wer nicht dafür sorgt, dass er die technischen Möglichkeiten nutzt, die es gibt, der ist selbst schuld, wenn er später einsam wird. Es ist ja ein großer Segen, dass es so moderne Technik gibt. Man sollte frühzeitig zum Akustiker gehen, und man sollte sich die Zeit nehmen, dass das Gerät ordentlich angepasst wird.

Hörakustik: Haben Sie selbst verschiedene Geräte ausprobieren können?

Günther Beckstein: Beim CI natürlich nicht, da hat mein Professor sofort auf ein Produkt gesetzt. Aber ich hatte mehrere Hörgeräte zur Auswahl. Es war allerdings sehr schnell klar, dass ein Im-Ohr-Gerät nicht infrage kommt. Bei den Hinter-dem-Ohr-Geräten habe ich nur zwei verschiedene getestet und mich dann sehr schnell der Empfehlung meiner Hörakustikerin gefügt. Und es war eine wirklich richtige Entscheidung.

Hörakustik: Gibt es eine Situation, die Ihnen von Ihren Besuchen bei Ihrer Hörgeräteakustikerin besonders in Erinnerung geblieben ist?

Günther Beckstein: Diese Hörtests sind wie Folter! Am liebsten wäre es mir, ich könnte mich irgendwo entspannt hinsetzen und mich wegdenken, und alles würde rein technisch gemessen. Aber ein Hörtest hat ja etwas mit dem Kopf zu tun, man muss sich konzentrieren. Wenn man das eine Viertelstunde macht, dann habe ich jedenfalls Probleme, dass ich nicht mehr sicher bin: Habe ich jetzt einen Ton gehört? Oder habe ich mir das nur eingebildet? Da muss ich aber sagen: Die Hörgeräteakustikerin, bei der ich bin, macht das auf eine wunderbare Weise.

Hörakustik: Wie denn?

Günther Beckstein: Sie sagt: „Jetzt trinken wir eine Tasse Kaffee miteinander und unterhalten uns über andere Fragen.“ Damit man sich wieder entspannt. Sie ist vielleicht Anfang 40, und ich finde es ganz großartig, wie diese junge Frau auch mit Älteren umgeht. Das ist ja nicht ganz einfach. Zumal man bei einem jüngeren Gegenüber in der Versuchung ist, nicht zuzugeben, welche Beeinträchtigungen man hat. Aber sie macht das ganz perfekt.

Hörakustik: Mit Ihrer Hörakustikerin sind Sie also vollends zufrieden. Gilt das auch für die Geräte?

Günther Beckstein: Insgesamt können die Geräte technisch noch besser werden, zum Beispiel, indem sie sich auf ganz veränderte Situationen auto

automatisch besser einstellen. Wenn man beispielsweise aus einem Raum, in dem man unter vier Augen in Laboratmosphäre redet, in eine Oktoberfestumgebung geht. Die Geräte sind ja schon deutlich besser als früher – aber noch nicht perfekt! Ich finde es gut, wenn es Leute gibt, die da weiter entwickeln. Aber ich muss sagen: Für meine Bedürfnisse fühle ich mich zwar nicht zu hundert Prozent glücklich, das wäre nicht meinem Wesen entsprechend, ich will immer noch etwas Besseres, immer noch weiter. Aber ich bin wirklich dankbar, dass ich zu Leuten gekommen bin, die sich viel Mühe gegeben und mich mit großer Sorgfalt und Qualität betreut haben.

Hörakustik: Herr Dr. Beckstein, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Juliane Rusche

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