Wie ist das, wenn man nicht hört, dass die eigene Mama zum Abendessen ruft? Wenn die Geschwister kichern und flüstern, man selbst aber nur ein Zischen und Blubbern wahrnimmt? Wenn man beim Versteckspielen immer noch darauf wartet, gefunden zu werden, während die anderen schon lange Matschball spielen? Das ist bescheuert, und zwar ziemlich. Dabei weiß das Schweinchen Bodo Borstel, die Hauptfigur des gleichnamigen Kinderbuches von Susanne Schönfeld und der Illustratorin Monika Schuber, zunächst gar nicht, dass mit seinem Gehör etwas nicht stimmt. Es ist nur ganz schön oft einsam und traurig: „Langsam kullert eine Träne über seinen Rüssel“, heißt es, nachdem Bodo wieder einmal ohne Abendessen ins Bett, sprich: aufs Stroh muss.

Es ist beinahe ein Trend, dass Kinderbücher auch die ernsten Themen des Lebens behandeln. Die Scheidung der Eltern, der Tod eines Verwandten oder lieben Freundes, ein anderes Kind im Rollstuhl: Selbst für die ganz Kleinen gibt es eine Fülle an Büchern, die sanft heranführen wollen an Situationen, die überfordern können – und die dabei schnell selbst überfordernd werden. „Bodo Borstel hört nicht gut“ sticht aus dieser Büchermasse heraus.

Der Autorin Susanne Schönfeld ist es gelungen, eine kurzweilige Vorlesegeschichte zu schreiben, die einem klassischen Kinderbuchmuster entspricht: Ein Problem taucht auf, wird erkannt, gelöst, ist aus der Welt. Am Ende sind alle Beteiligten glücklich und zufrieden. Dass die reale Welt oft anders ist, ist nebensächlich: „Bodo Borstel hört nicht gut“ geht liebevoll
mit dem Thema Schwerhörigkeit um und funktioniert dabei weniger als Betroffenen- denn als unterhaltsame Kindergeschichte.

In Bodo Borstels Fall ist es Bauer Siggi, der des Ferkels Hörproblem erkennt und mit ihm zunächst einen Arzt und dann einen Hörgeräteakustiker aufsucht. Dieser macht verschiedene Tests und einen Abdruck von den Ohrmuscheln, erklärt ganz schlicht und simpel, was eine Otoplastik ist. Mit Trainingshörgeräten und ein paar Übungen wird Bodo zurück in den Stall geschickt. „In vier Wochen kommst du wieder und zeigst mir, was du gelernt hast, dann bekommst du richtige Hörgeräte“, verabschiedet der Hörakustiker das kleine Schwein.

Von Monika Schubert wird der Ferkelalltag in idyllische Bilder in warmen Farben gekleidet; der Bauer trägt einen Strohhut, es wogen die Weizenfelder, der Misthaufen sieht groß und gemütlich aus, die rosigen Ferkel tollen in der freien Natur umher. Eine schöne Kulisse für eine Geschichte, die traurig beginnt und fröhlich endet. Denn die Ferkelgeschwister bewundern die kleinen Geräte an Bodo Borstels Schweineohren sehr, und Bodo „ist nun mächtig stolz auf seine Hörgeräte“. Bald schon kann er die Hühner wieder gackern und Bauer Siggi singen hören. Beim Frühstück ist er nun der erste, der am Trog steht – das Hahnengeschrei am frühen Morgen weckt Bodo Borstel zuverlässig.

Kindern, die zum ersten Mal bei einem Hörakustiker sitzen und darauf vorbereitet werden sollen, fortan kleine Geräte zum besseren Hören tragen zu müssen, kann „Bodo Borstel hört nicht gut“ womöglich ein Stück der Angst vor dem Fremden nehmen. Das Buch führt heran an die Probleme, die Schwerhörigkeit mit sich bringt – und die Vorteile und Verbesserungen, die ein Hörsystem schafft. Garantiert aber macht die Geschichte gute Laune; nicht zuletzt auch bei den erwachsenen (Vor-)Lesern. Hat man je einen Hörakustiker gesehen, der so seriös und kompetent wirkt, obwohl ein kleines Schweinchen mit Kopfhörern vor seinem Schreibtisch sitzt? Eben.

Juliane Rusche


BUCHINFORMATIONEN
Susanne Schönfeld (Text), Monika
Schubert (Zeichnungen): Bodo Borstel
hört nicht gut – Ein Vorlesebuch für
hörgeschädigte Kinder. ProjektPartner
GmbH, Erkheim, 2011, 40 Seiten, ISBN
978-3-9814432-0-2, 19,95 Euro.

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