Seit Ende 2010 unterstützt der Verein „Pakistan – Hilfe zur Selbsthilfe“ mit verschiedenen Projekten Menschen in Pakistan. Im Herbst soll mit dem „Free Ear Camp“ ein weiteres Programm starten, das die Hörsystemversorgung von Kindern und Erwachsenen in einer nordpakistanischen Gemeinde zum Ziel hat. Einer der Helfer ist der Kieler Dolmetscher Arshad Malik: Er erlernt für das Camp unter anderem das Anfertigen von Ohrpassstücken.


Auch wenn die Bereitschaft riesengroß ist: Hilfe zu leisten ist manchmal nicht ganz einfach. Das musste auch der Verein „Pakistan – Hilfe zur Selbsthilfe“ erfahren, der 2014 einen Mann aus einer nordpakistanischen Gemeinde nach Deutschland eingeladen hatte, um ihn hier so auszubilden, dass er in seiner Heimat hörgeschädigte Kinder versorgen kann. Kurzfristig bekam der Gast jedoch kein Visum, und alle Pläne waren von einem Tag auf den anderen gescheitert.

Doch zum Glück ist der Wille zum Helfen manchmal so groß, dass sich immer wieder neue Wege und Möglichkeiten auftun. So ist Hans Joachim Gerber, Gründer und Vorsitzender des Vereines mit Sitz im schleswig-holsteinischen Bordesholm, mit dem in Kiel lebenden Dolmetscher Arshad Malik befreundet. Dieser wiederum unterstützt seit vielen Jahren einige Familien in seinem Heimatdorf Doga in der Provinz Punjab (Nordpakistan) mit Büchern und Kleidern für den Schulbesuch. Als die Enttäuschung über das nicht geglückte Projekt die Vereinsmitglieder von „Pakistan – Hilfe zur Selbsthilfe“ lähmte, beschloss Arshad Malik: „Dann mache ich eben diese Ausbildung und helfe in Pakistan.“

Arshad Malik, in diesem Frühjahr 60 Jahre alt geworden, ist in Doga aufgewachsen und zur Schule gegangen. Im Januar 1980 kam er nach Kiel, wo er seit nunmehr 35 Jahren lebt und arbeitet. Die Verbindung zur Heimat ist aber nach wie vor groß. „Doga ist eine kleine Gemeinde, zu der elf umliegende Dörfer gehören. Es gibt vielleicht zehn Geschäfte, und die nächste größere Stadt ist etwa acht Kilometer entfernt“, beschreibt Malik seinen Geburtsort. Von Doga aus seien es etwa 20 Kilometer zur von Pakistan und Indien gleichermaßen beanspruchten Krisenregion Kaschmir. „Es gibt dort keine Industrie, die Menschen sind Kleinbauern.“ Früher sei die Gegend sehr einkommensschwach gewesen, es habe auch kein Bewässerungssystem gegeben. So war selbst der Ackerbau zur Selbstversorgung problematisch. Als Folge wanderten seit den 1960er-Jahren viele Bewohner nach Großbritannien und auch Deutschland aus. „Heute geht es der Region aber besser“, urteilt Arshad Malik. Dass Doga als größtes der umliegenden Dörfer zudem eine Knabengrundschule bis zur fünften und eine Mädchenschule bis zur zwölften Klasse hat, ist für die Kinder des Ortes ein Glücksfall.

In einer dieser Schulen soll im Herbst dieses Jahres ein Programm stattfinden, das vom Pakistan-Verein als „Free Ear Camp“ bezeichnet wird. Vier bis fünf Unterstützer aus Deutschland – darunter Arshad Malik, Hans Joachim Gerber und der Bordesholmer Hörgeräteakustikermeister Michael Eggers – werden für zwei Wochen nach Doga reisen, um den Dorfbewohnern Hörtests anzubieten, sie über Hörbeeinträchtigungen, Ursachen und Hilfen aufzuklären und bei bestehendem Hörverlust auch eine Hörgeräteversorgung vorzunehmen. „Wir werden uns vor allem auf Kleinkinder konzentrieren, denn deren Zukunft hängt entscheidend vom Spracherwerb ab“, sagt Arshad Malik. Aber auch Erwachsene würden versorgt werden. Der selbstständige Dolmetscher wird dabei nicht nur den Kontakt zur Bevölkerung herstellen und Sprachbarrieren beseitigen: Malik erhält zur Vorbereitung auf den Hilfseinsatz Schulungen in Deutschland und lernt unter anderem, Ohrabdrücke zu nehmen und Otoplastiken herzustellen.

Hierfür besucht Arshad Malik Seminare im Landesförderzentrum Hören und Sprache in Schleswig, wird in einem Kieler Otoplastik-Labor sowie im Hörakustikbetrieb von Michael Eggers geschult. „Das Thema war für mich absolutes Neuland. Aber es macht mir großen Spaß“, versichert der 60-Jährige. Er habe eine Pilotenausbildung abgeschlossen und sei technischen Themen gegenüber generell sehr aufgeschlossen. „Dass durch meine Mithilfe Kinder wieder hören können, ist natürlich auch eine große Freude für mich“, so Malik, der selbst Vater von acht Kindern ist.

Beim Einsatz in Pakistan wird die Anfertigung von Otoplastiken die Hauptaufgabe des Kielers sein. Darüber hinaus geht es bei dem Programm darum, einen Dorfbewohner vor Ort so auszubilden, dass auch zwischen den Besuchen der Helfer aus Deutschland eine Unterstützung der Hörbeeinträchtigten in Doga und Umgebung gewährleistet ist. Hilfe zur Selbsthilfe ist schließlich das Motto des Bordesholmer Vereines. „So ganz genau wissen wir noch nicht, was uns erwartet und wie der Aufenthalt ablaufen wird“, sagt Malik. „Wir können zum Beispiel gar nicht abschätzen, wie viele Menschen versorgt werden müssen. Das wird erst nach unserem ersten Besuch klar sein.“

Die Reise unternimmt Arshad Malik auf eigene Kosten, in Doga wird er die Unterkunft des Teams organisieren. Bei allen erforderlichen Geräten und Materialien allerdings ist der Verein „Pakistan – Hilfe zur Selbsthilfe“ auf Spenden angewiesen. „Außer Hörgeräten brauchen wir eine Fräse und eine Küvette zur Otoplastik-Herstellung“, erläutert Malik den Bedarf; auch die Technik für die Durchführung der Hörtests sei noch nicht komplett. Es gibt demnach noch viel zu organisieren, bevor im Herbst das „Free Ear Camp“ in Doga starten kann. Der Kieler Geschäftsmann ist trotzdem optimistisch – und wagt sogar einen Blick in die weitere Zukunft. „Wenn wir erfolgreich sind, wünsche ich mir auf lange Sicht eine Kooperation mit Krankenhäusern in der Region. Und dass wir zum Beispiel mithilfe deutscher Ärzte auch Cochlea-Implantat-Versorgungen vornehmen können.“

Der Weg dorthin ist noch weit. Dank des Engagements einiger Privatpersonen und Unternehmer ist er aber nicht mehr unüberwindbar. „Im Oktober werden wir in Doga sein“, sagt Arshad Malik zuversichtlich und fügt hinzu: „Inschallah. So Gott will.“

Juliane Rusche

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