Die „Hörakustik“ wird nicht nur im deutschsprachigen Raum gelesen, sondern Monat für Monat in alle Regionen der Welt verschickt. Wer sind unsere Leser in Südafrika, Finnland oder Singapur, wie leben und arbeiten sie in der Ferne? Im Rahmen einer neuen Serie möchten wir diese Hörgeräteakustiker und ihre Arbeitswelt vorstellen. Den Auftakt macht ein Interview mit dem 30-jährigen Fabian R. Straube, der die „Hörakustik“ in Whangarei in Neuseeland liest.

Hörakustik: Herr Straube, wir schi­cken Ihnen die „Hörakustik“ jeden Monat nach Neuseeland. Wie lange sind Sie schon dort?

Fabian R. Straube:
Ich bin seit Au­gust 2013 in Neuseeland. Ich lebe im warmen Norden des Landes, in der kleinen Stadt Whangarei.

Hörakustik: Wo haben Sie davor gewohnt?

Fabian R. Straube:
Aufgewachsen bin ich in Sachsen-Anhalt und habe dann 15 Jahre auf Mallorca gelebt. Bevor ich Europa verlassen habe, ha-be ich noch ein Jahr in der schönen andalusischen Stadt Malaga gearbeitet und mich von dort aus über Asien auf den Weg nach Neuseeland gemacht.

Hörakustik: Was war der Grund für Ihren Umzug „ans andere Ende der Welt“?

Fabian R. Straube:
Neuseeland kam eher zufällig auf den Plan. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt meinen beruflichen Werdegang für die nächsten zehn Jahre voraussehen, und das war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Über einen Bekannten hier bekam ich die Möglichkeit, eine Art Praktikum zu machen und so mein Englisch etwas aufzupolieren und einen anderen Hör­akustikmarkt kennenzulernen. Neu­seeland hörte sich nach Abenteuer an! Menschen, die sich trauen, mit dem Nötigsten irgendwo in die Welt zu rei­sen und in wildfremder Umgebung neu zu starten, haben mich schon immer fasziniert. Auf dem Weg lag Asien, was ich bereist habe, weil ich die japani-sche Kultur sehr interessant finde. Also buchte ich ein One-way-Ticket nach Japan, lebte dort zwei Monate mit einer lokalen Familie, fand in der Zeit einen festen Job in Neuseeland – und machte mich auf den Weg.

Hörakustik: Sind Sie ausgebildeter Hörakustiker? Bitte erzählen Sie ein wenig über Ihren beruflichen Werde­gang.

Fabian R. Straube:
Gerne. Als ich 18 Jahre alt war, wollte ich Hotel-fach studieren – und lernte durch Zu­fall meinen ersten Chef Claus-Peter Reichel kennen. Er machte seine Lei­denschaft und Faszination für die Hör­akustik so interessant für mich, dass ich nicht Nein sagen konnte und eine deutsch-spanische Ausbildung in der spanischen Hörgeräte-Reichel-Filiale Buen Sonido anfing. Ich habe meinen spanischen Meister in Barcelona ge­macht und war bis 2011 als Filialleiter bei Buen Sonido. Danach ging ich für etwas mehr als ein Jahr zu Andalusiens ältestem Hörakustikbetrieb; ein kleines Familienunternehmen mit viel Herz und Geschichte.

Hörakustik: Und wer ist jetzt, in Whangarei, Ihr Arbeitgeber?

Fabian R. Straube:
Ich arbeite für die Firma Triton Hearing. Sie ist Teil der Connect-Hearing-Gruppe von Sonova.

Hörakustik: Wie läuft eine Hörgeräteversorgung bei Ihnen im Fachgeschäft ab?

Fabian R. Straube:
Vom Ablauf her ist die Hörgeräteanpassung hier nicht unterschiedlich zum europäischen Standard – vom freien Hörscreening zur kompletten Beratung, es gibt kos­tenlose Hörtests, Audiotherapie und so weiter. Das Kundenalter zieht sich auch hier von 40 bis an die 100 Jahre. Kin-der werden aber fast ausschließlich in Kliniken versorgt. Fördermittel für Hörgeräte sind in Neuseeland weit verbreitet. Private Kunden bekommen alle sechs Jahre eine Subvention vom Gesundheitsministerium. Versorgun­gen von Hörverlusten durch Lärmschä­den oder durch einen Unfall werden teils von der staatlichen Krankenkasse gezahlt. Kriegsveteranen werden von der Kriegsrente unterstützt, und Kun­den mit Hörverlusten, die im Kindes­alter entstanden sind, werden ihr Le­ben lang vom Staat unterstützt.

Hörakustik: Gibt es besondere Herausforderungen im Berufsleben, die Sie so aus Ihrer vorherigen Arbeit als Akustiker nicht kannten?

Fabian R. Straube:
In Neuseeland gibt es mehr Audiologen als Hörakus­tiker. Der Staat hat sehr strenge Regulierungen, wer die genannten Sub­ventionen beantragen kann. Nur voll ausgebildete Audiologen haben da-rauf Anspruch, und somit ist der hiesi­ge Markt sehr medizinisch ausgelegt. Neben Ton- und Sprachaudiometrie sind hier Tympanometrie und kom­plette Stapediusreflexschwellen-Mes­sung ein Muss. Hörgeräte werden in der Regel nur mit Real Ear Measure­ment (REM) angepasst. Nach zwei Jah­ren hier bin ich der Meinung, dass gerade die REM-Messungen für erfolg­reiche Versorgungen von großem Vor­teil sind. Das richtige Feintuning sollte dann danach – nach Kundenbedarf – gemacht werden.

Hörakustik: Sie arbeiten also vor­nehmlich mit Audiologen zusammen. Wie sieht deren Ausbildung aus?

Fabian R. Straube:
Deren Werde­gang startet mit einem zweijährigen Master of Science. Nach Abschluss des Masters muss jeder Audiologe ein Jahr lang unter Beaufsichtigung arbeiten und dann ein sogenanntes Clinical Competence Certificate absolvieren; das ist so etwas wie eine Meisterprü­fung in Deutschland, nur schwieriger. Ausgebildete Hörakustiker wie in Eu­ropa gibt es hier im Berufsbild nicht. Dafür gibt es Audiometristen, die in Australien ausgebildet werden. Sie machen einen etwa sechswöchigen Onlinekurs.

Hörakustik: Bemerken Sie große Unterschiede zwischen der Arbeit der „heimischen“ Audiologen und Ihrem eigenen Arbeiten?

Fabian R. Straube:
So ziemlich. Die Aussage vieler Audiologen, dass sie keine Hörgeräte verkaufen, sondern verschreiben, sagt wahrscheinlich ge­nug darüber aus, dass die Hörakustik hier teils sehr medizinisch gesehen wird. Das Gute daran ist eine qualitativ sehr hochwertige und akkurate Versor­gung. Auf der Strecke bleiben aber der technische Background zu den Hörgeräten – und die Balance zwischen der von den Kunden gefragten Feinein­stellung und den Richtlinien der REM-Messungen. Hier liegt der Fokus auf dem Hörverlust, der damit verbundenen Behinderung und deren Ausgleich – und nicht auf dem Kauferlebnis.

Hörakustik: Und fällt Ihnen bei Ihren Kunden etwas auf, was Sie als „typisch neuseeländisch“ bezeichnen würden?

Fabian R. Straube:
Der Neuseeländer ist generell sehr handwerklich, robust, gemeinschaftlich und „easy going“. Die Maori- und pazifische Kul­tur hat dazu noch einen sehr warmen und familiären Charakter. Doch wie in Deutschland, Spanien, Japan: Es sind die gleichen Menschen, die nur mit anderen Wörtern kommunizieren.

Hörakustik: Wie lange dauert es ei­gentlich, bis die Post die „Hörakustik“ aus Deutschland zu Ihnen gebracht hat?

Fabian R. Straube:
Pakete und Post aus Europa kommen in der Regel in ein bis zwei Wochen an.

Hörakustik: Und warum lesen Sie unsere Fachzeitschrift auch in der Ferne?

Fabian R. Straube:
Ich interessiere mich für das, was weltweit in unserem Markt so passiert. Die Hörgeräteakus­tik in Deutschland ist meiner Meinung nach einer der solidesten Märkte. Der Service am Kunden und die Technik werden gleichermaßen kontinuierlich verbessert, und einige der größten Hersteller kommen aus Deutschland und den benachbarten Ländern. All das wird von Ihrem Verlag immer wieder aufs Neue präzise und neutral recher­chiert. Sie sollten eine englische Version veröffentlichen!

Hörakustik: Sie sind nicht der Erste, der das sagt. Welche Themen und Inhalte der „Hörakustik“ sind für Sie denn besonders relevant?

Fabian R. Straube:
Ehrlich gesagt: Was mit den deutschen Krankenkassen passiert, ist für mich weniger interes­sant. Aber alles im Bereich Hörgeräteanalysen, Anpassungsverfahren, Kun­denberatung und Therapie interessiert mich sehr.

Hörakustik: Abgesehen vom Berufs­leben: Fühlen Sie sich in Neuseeland wohl?

Fabian R. Straube:
Sehr. Es hat eine Weile gedauert, mich hier zu akklima­tisieren. Freunde, Familie und alle Bequemlichkeiten, die man in Europa als selbstverständlich ansieht, lässt man zurück. Aber wenn man darüber hinwegschaut, bekommt man ein Le­ben, bei dem die Work-Life-Balance stimmt und man nicht vor Stress Tin­nitus bekommt. Hier lebt es sich gut, und man kann nach der Arbeit noch schnell surfen gehen oder sich im Sommer selbst Hummer zum Abend­brot fangen. Doch bei aller Gastfreundlichkeit der Neuseeländer fehlt mir hier am meisten die Lebhaftigkeit, die ich für so viele Jahre in Spanien erlebt habe.

Hörakustik: Gibt es bestimmte Er­wartungen, die Sie vor Ihrer Ankunft in Neuseeland an das Land hatten – und die sich als Vorurteile entpuppt haben?

Fabian R. Straube:
Ein Freund sagte mir einmal vor einer Indienreise: Er­warte nichts, und lass es einfach auf dich wirken. Das mache ich seit-dem bei jeder neuen Reise, die ich begehe, und somit überrascht mich auch Neuseeland nach zwei Jahren immer wieder neu.

Hörakustik: Steht denn schon fest, wie lange Sie in Whangarei sein wer­den?

Fabian R. Straube:
Ich bin dank-bar, dass ich im Februar dieses Jah-res meine Residenz genehmigt bekom­men habe. Nun kann ich permanent hierbleiben. Im Moment fühle ich mich hier sehr wohl. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen. Die Welt ist groß, und Schwerhörige gibt es überall. Gerade mit der immer älter wer­denden Bevölkerung stehen uns alle Türen offen.

Hörakustik: Herr Straube, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Juliane Rusche

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