Zehn Jahre nach dem sogenannten Bologna-Prozess und der damit einhergehenden Studienreform mehren sich unter deutschen Hochschulrektoren die Zweifel. Denn viele der Absolventen, so lautet die Kritik, seien nach ihrem Abschluss nur wenig für den Arbeitsmarkt geeignet. Ganz anders steht es da um die Absolventen der Fachhochschule (FH) Lübeck im Studiengang Hörakustik. Nach zehn Jahren mit dem Bachelorstudium, in denen die Absolventenzahlen stetig gestiegen sind, gibt es hier nur wenig Kritik.

Wer bei dem Wort „Bachelor“ an zänkische, leichtbekleidete „Damen“ denkt, die im abendlichen Fernsehprogramm um die letzte Rose eines Junggesellen konkurrieren, wird wohl kaum Parallelen zu den Absolventen des Bachelorstudienganges Hörakustik an der FH Lübeck ziehen. Doch die gibt es. Denn auch um die Studierenden wird gebuhlt. Und genau wie im TV-Format kann jeder Bachelorabsolvent aus einer Reihe von Jobofferten wählen. Genau: Plural! Denn ganz anders als etwa bei den Geisteswissenschaften, konkurrieren die Arbeitgeber um die Absolventen und versuchen sie mit attraktiven Jobangeboten schon während des Studiums für sich zu gewinnen. Der Grund ist simpel: „Es gibt mehr Angebote als Absolventen“, weiß Professor Dr. Jürgen Tchorz.

Er hat 2005 den Studiengang quasi „übernommen“, als es nach der Studienreform zur Umstellung vom Diplom- zum Bachelorstudiengang kam. Der Studiengang beruht auf einer Kooperation zwischen der FH Lübeck und der Akademie für Hörgeräteakustik (AHA) und war 1999 der erste Studiengang seiner Art in Deutschland. Seinerzeit hatte die AHA im Umfang von zwei Semestern die hörakustischen Lehrveranstaltungen konzipiert und auch abgehalten. Auch heute noch, nach der Umstellung auf den sechssemestrigen Bachelorstudiengang, sind AHA-Dozenten über Lehraufträge bei der Durchführung der Lehrveranstaltungen eingebunden. „Ein besonderer Vorteil dabei ist, dass Bildungsinhalte und Studienleistungen aus dem Vollzeitstudium zur Meistervorbereitung an der AHA auch von der FH anerkennen werden“, sagt der Leiter des AHA-Kompetenzzentrums, Andreas Blöß.

Der entscheidende Grund für den Erfolg der Studierenden und des Studiengangs, da sind sich die beiden Lehrenden sicher, ist dessen Konzeption: „Man muss mindestens die Gesellenausbildung haben, um das Studium beginnen zu können. So verfügen die Studierenden schon über Berufserfahrung und wissen worauf es ankommt. Deren Motivation stimmt also, und wir können bereits umfangreiche hörakustische Fachkenntnisse und Fertigkeiten voraussetzen, sodass die FH-Lehrveranstaltungen optimal drauf aufbauen.“

Zudem ist die Betreuung im Studiengang, mit durchschnittlich 20 Studierenden pro Jahr, optimal. „Es gibt einen sehr guten Draht zu den Studenten. In meinem ersten Jahr, waren wir zu viert im Seminar. Das ist sehr ‚intim‘“, erinnert sich Tchorz. „Da traut sich dann auch niemand, nicht zu kommen.“ Die Teilnehmerzahl ist in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen, während die Abbruchquote bei etwa 13 Prozent liegt. „Vergleichbar wenig, denn innerhalb der Ingenieurswissenschaften, zu denen die Hörakustik zählt, liegt die Quote bei bis zu 50 Prozent“, gibt der Dozent zu bedenken.

Man hätte aufgrund der kleinen Kursgrößen eher die Möglichkeit zu merken, wenn es bei einem der Teilnehmer „hakt“ und ihn persönlich anzusprechen, sagt Tchorz. Außerdem wurde der Studiengang in den vergangenen zehn Jahren stets weiterentwickelt. Durch den engen Kontakt weiß der Dozent nicht nur, wo seine ehemaligen Schützlinge gelandet sind, er erfährt von ihnen auch, „was war gut, was hat uns gefehlt“. Aufgrund dieses Feedbacks wurden beispielsweise mehr Kurse in Fachenglisch angeboten und komplette Vorlesungen auf Englisch gehalten. Auch steige die Zahl von Abschlussarbeiten, die auf Englisch verfasst werden.

Doch auch wenn offenbar jeder Bachelorabsolvent der Hörakustik, anders als die Kandidaten so mancher TV-Sendungen, ein berufliches Happy End erlebt, gibt es doch auch hier Kritik: „Bologna ist in der Praxis im Studium nicht möglich“, so das Fazit von Professor Tchorz. Denn den eigentlichen Anspruch, den die europäischen Bildungspolitiker an die Studienreform hatten, dass die Studierenden nämlich auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen lernen und ihren Horizont erweitern, ist nach Auffassung des Lübecker Dozenten kaum umsetzbar. „Ein Auslandssemester muss, wenn man an einem Förderprogramm teilnehmen will, mindestens ein Jahr im Voraus geplant werden, das ist bei sechs Semestern Regelstudienzeit und einer anfänglichen Findungsphase von vielen Studierenden nicht zu leisten.“ Tchorz empfiehlt seinen Studenten dennoch, ins Ausland zu gehen; denn später „hat man dazu vielleicht nicht mehr die Gelegenheit“.

Eileen Passarelli

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