In der Tinnitus-Kolumne wurde der Begriff der Selbsthilfe an dieser Stelle bereits definiert. Aber ist Selbsthilfe überhaupt notwendig, sinnvoll und erfolgreich? Dieser Frage geht Professor Dr. Gerhard Goebel in seinem Beitrag nach und fasst im Folgenden die Studienlage zur Selbsthilfe im Allgemeinen sowie für Tinnitusbetroffene im Besonderen zusammen.

Wie der Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga e. V. (DTL), Volker Albert, in der August-Ausgabe der „Hörakustik“ ausführte, ist „Selbsthilfe“ der Sammelbegriff für Initiativen und Zusammenschlüsse von Menschen, die sich gegenseitig so­lidarisch unterstützen (Albert 2015).

Laien helfen anderen mit ihrem Wis­sen, ihren Erfahrungen und ihrer Zu­wendung; (erst) dann profitieren sie von dem Wissen, den Erfahrungen und der Zuwendung des gleichbetroffenen Gegenübers. Vereinfacht zusam­mengefasst bedeutet Selbsthilfe, dass das Engagement von Betroffenen für Betroffene und gleichermaßen auch „nicht ohne uns über uns“, wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt hat, umgesetzt wird. Experte hilft Betroffenem: Das wäre Therapie. Hilfe durch ein Internetprogramm bedeutet ebenfalls, dass ein „Experte“ dem Betroffenen hilft.

Das Knüpfen von Kontakten in sozialen Netzwerken ist nach wissenschaft­lichen Untersuchungen von großer Bedeutung für ein gesundes Leben: So sind Menschen, die anderen Men­schen helfen, gesünder und fühlen sich wohler (Batson 1998, Midlarsky 1991). Analysiert man die Daten von Carr et al. (2000) unter Berücksichtigung der Variablen Einkommen, Bildungsstand, Krankheit, Stress sowie Persönlich­keitsvariablen, so besteht eine erhöhte Sterblichkeit bei den (passiven) Hilfe­suchenden von 23 Prozent gegenüber den aktiven Helfern mit einer Sterblichkeitsabnahme um 54 Prozent!

Das heißt: Erwachsene, die einem Ehren­amt wie der aktiven Teilnahme in einer Selbsthilfegruppe nachgehen, machen etwas gesamtgesundheitlich Gutes für sich selbst; etwas, das weit über die eigentliche Hilfe hinausgeht. Helfende leben länger! Die Effektstärke (also der Interventionsprofit) des Helfens auf die Sterblichkeitsrate ist laut Daten von Brown et al. (1999) doppelt so hoch wie die Effektstärke von Vorbeugemedikation (zum Beispiel Aspirin®). Spitzer (2006) fasst diese Erkenntnis in Anleh­nung an die Apostelgeschichte des Lukas (Kapitel 20, Vers 35) unter dem Fazit zusammen: Geben ist seliger denn Nehmen!

In einer Untersuchung von 2004 bei 4 995 Mitgliedern der DTL mit einer Tinnitusanamnese von knapp zwölf Jahren (plus/minus neun Jahre) ließ sich nachweisen, dass sich bei lediglich 13 Prozent der Teilnehmer im Zeit­verlauf der Tinnitus verschlimmerte (Goebel et al. 2006), obwohl sie eine gravierendere Tinnitusbelastung auf­wiesen als die Durchschnittsbevölke­rung der Bundesrepublik. Im Gegen­satz dazu lässt sich für 20 Prozent der Durchschnittsbevölkerung in Deutsch­land feststellen, dass sich der Tinnitus im Zeitverlauf verschlimmerte (Pilgramm et al. 1999).

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