exklusiv-Beitrag 4
Aus der Ausgabe 3/2013

Das Handwerk der Hörgeräteakustik umfasst eine Vielzahl von Tätigkeiten und erfordert umfangreiche Kenntnisse und Fertigkeiten in unterschiedlichen Fachbereichen. Jeder in diesem Handwerk Tätige hat selbst erfahren, wie breitgefächert deshalb die theoretische und praktische Ausbildung ist und wie darüber hinaus die Anforderungen in der täglichen Praxis variieren.

0313Rezension

In Deutschland gab es bisher kein Lehrbuch, das die erforderlichen Grundlagen und Kenntnisse zusammenfasste sowie Auszubildenden als auch Meisterschülern eine Grundlage für die Ausbildung und Meisterprüfungsvorbereitung bereitstellte. Es ist hoch anzuerkennen, dass sich beide Autoren dieser Aufgabe gestellt haben, zumal prädestinierte Ausbildungseinrichtungen dies bisher unterließen. Herausgekommen sind 2 353 Seiten, aufgeteilt in drei Bände. Band 1 umfasst die theoretischen Grundlagen, Band 2 beinhaltet praktische Themen und in Band 3 finden die Leser Aufgaben und Lösungen von Übungen. Der Rezensent hat im ersten Schritt Band 1 des Gesamtwerks analysiert. Jens Ulrich und Eckhard Hoffmann: Hörakustik Lernen + Wissen, Theorie (Band 1). DOZ Verlag 2012, Gebunden, 770 Seiten, 89 Euro. ISBN 978-3-942 873-07-9. Bestellung über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Man beginnt natürlich mit dem Inhaltsverzeichnis. Darin spiegeln sich deutlich die Anforderungen entsprechend
der Verordnung über die Berufsausbildung zum/zur Hörgeräte akustiker/-in (HörgAkAusbV 1997) und der Hörgeräteakustikermeisterverordnung (HörgAkMstrV 1994) wider. Man konnte also gespannt sein, ob sich auch aktuell notwendige Themen finden.

Die Fachbereiche Anatomie, Physiologie und Pathologie des Hörorgans, Audiometrie, Elektrotechnik, Chemie & Werkstoffkunde, Grundlagen der Psychologie und Qualitätsmanagement, das nicht in den Ausbildungsanforderungen der oben genannten Verordnungen enthalten ist, aber ein aktuell wichtiges Thema der Hörakustik darstellt, erscheinen nach dem im Inhaltverzeichnis angegebenen Umfang ausgewogen behandelt. Unterrepräsentiert findet man dagegen die Gebiete der Akustik (78 Seiten), Psychoakustik (32 Seiten), Fachkalkulation (28 Seiten) und Signalverarbeitung (28 Seiten). Auffällig ist, dass die Fachbereiche zum Aufbau von Hörsystemen und über Messtechnik in Band 1 (»Theorie«)
nicht enthalten sind. Man findet sie in Band 2 (»Praxis«). Einen gewissen Freiheitsgrad bei der Zuordnung von Abschnitten zu den einzelnen Bänden kann man den Autoren zugestehen. Nur wäre zur Unterstützung der Lernenden zu beachten gewesen, dass bestimmte Bereiche eng zueinander gehören, wie zum Beispiel die Signalverarbeitung (Band 1) und die Theorie zu Hörsystemen (Band 2).

Es ist auch zu erwähnen, dass wichtige Bereiche der Hörakustik mit entsprechend separierten Abschnitten gewürdigt werden sollten. Zum Beispiel findet man Hörtaktik und Hörtraining unter dem Abschnitt 8.2.4 »Plötzlich eintretende Schwerhörigkeit oder Taubheit« knapp dargestellt. Ein ausführlicher Abschnitt über beide Themen wäre auf Grund der Praxisrelevanz für alle Hörsystemkunden vorteilhaft gewesen. Wünschenswert ist auch die Integration weiterer Fachbereiche, die für die Praxis der Hörakustik sehr wesentlich sind. Zu nennen ist hier beispielhaft eine umfangreichere Darstellung der Wahrnehmungspsychologie, da der Hörakustiker bei der Hörsystemanpassung ständig akustische Wahrnehmungsmerkmale von Kunden in technische Hörsystemeinstellungen transferieren beziehungsweise diese optimieren muss. Gleiches gilt für die Themen Kommunikation und Gerontologie. Kommunikation ist grundlegend in der Arbeit mit Kunden und Gerontologie deshalb, weil die Kunden im Durchschnitt 72 Jahre alt sind. Den Autoren sei jedoch anzurechnen, dass selbst die aktuell gültigen Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen diese Fachbereiche nicht explizit beinhalten und somit ein Lehrbuch, dass für die gegenwärtige Ausbildung und Prüfungsvorbereitung die genannten Verordnungen zugrunde legt, diese Themen nicht aufnehmen kann. Hier sind vielmehr die verantwortlichen Gremien gefordert, die Ausbildungs- und Prüfungsanforderungen zu modernisieren und den aktuellen Anforderungen der Praxis anzupassen.

Charakteristisch für das gesamte Lehrbuch ist seine didaktische Grundstruktur. Neben erläuternden Textabschnitten und Grafiken finden sich zu allen wichtigen Themen Zusammenfassungen von Kerninhalten. Dies soll die Leser und Lernenden unterstützen, das Wesentliche eines Themas zu erfassen und zu verinnerlichen. Jedoch sollten diese Zusammenfassungen ein Extrakt bleiben und nicht zusätzliche Informationen und Fakten beinhalten, die in der ausführlichen Themendarstellung nicht erläutert sind. Darüber hinaus werden mit sogenannten »Randnotizen« Zusatzinformationen angeboten, die über prüfungsrelevante Inhalte hinausgehen. Als ergänzendes Material stehen zusätzlich Video-Clips zur Verfügung, die bei Band 2 direkt als DVD beiliegen. Für Band 1 kann man sich unterstützende Videos auf YouTube ansehen. Die Verwendung moderner Medien in Lehrbüchern ist State of the Art. Es ergibt sich aber die Frage, warum nicht alle Videos über das Internet oder auf DVD zur Verfügung stehen. Das würde die Handhabung vereinfachen. Jedoch wird dabei empfohlen, bei einer Internet-Lösung die Übersichtlichkeit zum Auffinden des gewünschten Videos zu verbessern. Auch ist jegliche Werbung zu vermeiden, die bei YouTube vor Beginn eines Videos eingeblendet werden kann, wie zum Beispiel zu Seniorenuhren oder Reiseanbietern. Es entspricht nicht den anerkannten Grundsätzen einer Lehrbuchgestaltung, dass man sich Fremdwerbung ansehen muss, bevor man den gewünschten Lehrinhalt präsentiert bekommt.

Neben den gestalterischen Merkmalen des rezensierten Lehrbuchs ist natürlich auch die fachliche Qualität zu bewerten. Im Gesamtüberblick ergibt sich eine Unausgewogenheit in der Darstellung der Themen. So sind verschiedene Inhalte im Vergleich zu Prüfungs- und Praxisanforderungen zu umfangreich erläutert, wie zum Beispiel Abschnitt 2.1 »Aufbau des Organismus« oder Abschnitt 2.8 »Nervenzellen« oder die Beschreibung von Gattern, Flip-Flops und Schieberegistern, während entscheidende Themen unterrepräsentiert sind. So sollten die Autoren beispielsweise überlegen, warum der Dopplereffekt mit seiner geringen Bedeutung für die Hörakustik umfangreicher erläutert wird als akustische Wandler. Bei den akustischen Quellen fehlt die Beschreibung elektromagnetischer Wandler, die als Hörer in Hörgeräten vorliegen, gänzlich. Zusätzlich wird dringend empfohlen, getätigte Definitionen und Aussagen zu überarbeiten. So ist zum Beispiel das Cortische Organ kein Fourieranalysator oder der Normalhörende keine statistisch begründete Person, die über den durchschnittlichen vollen Umfang des Hörorganes verfügt. Eine Abweichung von bis zu 20 Dezibel HL von der Referenzhörschwelle (0 Dezibel HL) gilt als Normalhörigkeit. Weitere Beispiele aus der Fülle von zu überarbeitenden Aussagen ist die Definition des Crest-Faktors. Der Crest-Faktor ist kein Gütemerkmal von Messgeräten. Er ist vielmehr eine Signaleigenschaft und gibt das Verhältnis von Spitzenwert zum Effektivwert bei Wechselgrößen an. Auch haben Spiegelfrequenzen nichts mit dem Abtasttheorem zu tun. Gemeint war hier sicherlich der Alias-Effekt. Hersteller von Medizinprodukten müssen nach DIN EN ISO 13485 zertifiziert sein und nicht DIN EN ISO 9001 in Verbindung mit DIN EN ISO 13485 anwenden. Der Reimtest nach Sotschek ist auch kein Satztest. Er besteht aus einsilbigen Wörtern. Eine Fensterfunktion ist auch kein Gegenstück zum Filter im Zeitbereich. Eine Fensterfunktion »generiert« eine »Periodizität« eines Signals, die eine Grundvoraussetzung zur Anwendung der Fouriertransformation bei diskreten Werten zu äquidistanten Zeitpunkten ist. Oder, welchem Zweck dient eine Kurzausführung zu »Negativen Frequenzen«, wenn in den beiden Sätzen der Erläuterung ausgeführt wird, dass sie für den Hörgeräteakustiker kaum Bedeutung haben?

Ein weiterer Kritikpunkt der Rezension ist die Verwendung allgemein anerkannter Begriffe. So wird im deutschsprachigen Raum der Begriff »Schallschluckung« nicht mehr verwendet, stattdessen »Schallabsorption«. Der Schall im Frequenzbereich von 20 Hertz bis 20 Kilohertz ist nicht »Schall«, sondern hörbarer Schall oder Hörschall; die »Schmerzschwelle« von gestern ist heute die »Unbehaglichkeitsschwelle«. Darüber hinaus sind in jedem Fall Begriffe oder Formelzeichen zu erläutern, wenn sie das erste Mal verwendet werden.

Verbleibt das Thema »Verwendung von Referenzen«. Auch wenn ein Kapitel »Literatur« existiert, besteht die Pflicht eines jeden Autors bei der Verwendung von geistigem Eigentum anderer in Bild oder Text, die Quelle direkt an der eingesetzten Stelle im Lehrbuch anzugeben, selbst wenn sie Wikipedia-Beiträgen entnommen wurde. Seit zu Guttenberg und Co. kann schon eine gewisse Sensibilität erwartet werden.

Dem Verlag wird nahegelegt, die richtige Verwendung der deutschen Rechtschreibung vor Herausgabe zu prüfen. Ein Lehrbuch hat auch eine Vorbildfunktion für die deutsche Rechtschreibung gegenüber den Lesern oder Auszubildenden. 168 auffällige, nicht direkt gesuchte Schreibfehler sprechen nicht dafür.

Zusammenfassend kann der Rezensent entsprechend der oben angeführten Hinweise und Anmerkungen den Einsatz des Lehrbuches bei der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Hörakustik-Handwerk ohne Überarbeitung nicht empfehlen.

Dr. Jörg Haubold

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