Porträt OsterbergDie Prüfung vor Augen und was kommt dann? Die hoerakustik.net hat mit einem früheren Azubi und heutigen Gesellen über seinen Weg nach der Freisprechung vor einem Jahr gesprochen. Der 36-Jährige Mark Osterberg hat vor allem einen Tipp: Herausfinden, was zu einem passt, und sich da reinhängen. Was ein Geselle sonst noch beherzigen sollte und was das Wichtigste beim Umgang mit Kunden ist, das verrät Osterberg auch. Hörakustik – einfach dabei sein!



Herr Osterberg, Sie haben vor zwei Jahren im Imagefilm der AHA für den Beruf des Hörgeräteakustiker geworben. Damals waren Sie noch Auszubildender. Können Sie uns mal schildern, wie es danach beruflich bei Ihnen weiterging?
Ja, klar. Ich habe die Gesellenprüfung gemacht und bin dann vom Ausbildungsbetrieb übernommen worden. Ich habe dann bis jetzt etwa ein Jahr lang eigenverantwortlich Erfahrungen sammeln können. Die-ses erste Jahr war für mich besonders wichtig, um mehr Praxis am Kunden zu bekommen – und es macht nach wie vor Spaß. Jetzt habe ich mich ab Januar in den Meisterkurs gesetzt, also den Vorbereitungskurs für den Ausbilder- und Wirtschaftsteil. Ich habe einfach geschaut, ob mir das liegen würde.

War bei Ihnen relativ früh klar, dass Sie übernommen werden oder war das an die Bedingung geknüpft, dass der Abschluss so und so gut werden muss? War der Übergang also relativ einfach für Sie?
Die Übernahme war der Plan, das war schon von vorneherein klar. Das hing jetzt nicht unbedingt mit den Noten zusammen. Im Großen und Ganzen bin ich einfach sehr interessiert und das hat mein Arbeitgeber wohl bemerkt und dann gesagt „okay, den übernehmen wir“.

Wie war es denn bei Ihren Freunden oder Klassenkameraden? Haben Sie den Eindruck gehabt, bei denen war der Übergang schwieriger oder war es bei denen ähnlich?
Das war teils, teils. Bei einigen war von vorneherein klar, dass sie nur die Ausbildung in dem jeweiligen Fachgeschäft oder Laden absolvieren würden und sich danach woanders bewerben – oder noch mal schulisch weitermachen, ein Studium anfangen oder die Meisterausbildung. Und bei anderen war es wie bei mir sicher, dass sie übernommen werden. Es war also grundsätzlich klar, was passieren würde.

Sie haben gesagt, Sie haben sich für die Meisterausbildung entschieden beziehungsweise schnuppern da jetzt mal rein. Die Entscheidung ist also noch nicht endgültig gefallen?
Doch, im Prinzip schon. Das hängt einfach von verschiedenen Faktoren ab. Für mich ist es wichtig, den Meistervorbereitungskurs berufsbegleitend zu absolvieren. Darüber hinaus spielt die Finanzierung auch eine nicht unwesentliche Rolle.

Was war denn Ihre Motivation zu sagen, „ja, das könnte für mich ein Weg sein“? Sie hätten ja auch ein Studium beginnen oder zu einem Hersteller gehen können.
Ja, genau, das eine schließt das andere aber nicht aus. Die Meisterausbildung ist im deutschen Handwerk ja schon sehr breit gefächert, insbesondere natürlich in unserem Beruf. Durch meinen ersten Beruf habe ich bereits technische Erfahrung sammeln können, hier fehlte mir jedoch der weitere Bezug zum Endverbraucher. Um genau dessen Wünsche, Belange und auch Nöte zu kennen, habe ich diesen Weg gewählt. Mit diesem Praxiswissen kann ich ja auch später noch meinen Weg in die Industrie beziehungsweise Wissenschaft oder in die berufliche Bildung gehen.

Was sehen Sie denn für den Hörgeräteakustiker-Gesellen in den nächsten Jahren als Herausforderung an?
Mit der Technik Schritt zu halten und immer im Blick zu haben, was sich da entwickelt. Die Technik kann in der schulischen Ausbildung in vielen Fällen nur grundlegend vermittelt werden, weil es nun mal eine Gesellenausbildung ist. Man kann das natürlich in der Meisterausbildung oder im Studium vertiefen, gar keine Frage. Wenn man aber Geselle bleibt, sollte man wirklich fachlich am Ball bleiben – sowohl was die Hörsystemtechnik betrifft, als auch das Hörsystemzubehör. Die Herausforderung ist einfach sehr gut zu sein, technisch fit zu bleiben und eine sehr gute Dienstleistung anzubieten.

Das heißt, was würden Sie jemandem, der am 29. Juni sein Zeugnis in die Hand nimmt, als Erstes empfehlen, worauf soll er achten?
In sich zu gehen, zu gucken, ob er sich zu mehr berufen fühlt, als nur „den Job im Laden“ zu machen. Technisch fit bleiben, sich nicht zurücklehnen und sagen „okay, ich hab’s jetzt geschafft und irgendwie kriege ich immer ein Gerät angepasst“, sondern wirklich zu wissen, was man tut und was für technische Möglichkeiten man hat. Wichtig ist, dass man dem Kunden richtig zuhört, was er möchte und seinen Lebensstil in akustischer Hinsicht erfragt, um ihm dann durch das Angebot einer ausgewogenen Vergleichsmöglichkeit zum passenden Produkt verhilft. Das ist eine Sache, bei der man viel Fingerspitzengefühl entwickeln muss. Das Zwischenmenschliche ist ebenfalls ein ganz großer Aspekt. Etwas, in das man erst reinwachsen muss, und bei dem man gerade auch als junger Mensch vor eine große Herausforderung gestellt wird. Der Psychologieunterricht in der Schule bietet dahingehend eine wichtige Grundlage. Aber ob man wirklich mit Menschen umgehen kann oder nicht, zeigt sich im Alltag.

Ich glaube auch, das ist so etwas, das man tatsächlich üben muss und das man schlecht per Lehrbuch vermitteln kann, oder?
Ganz genau. Und wenn man zum Beispiel meint, man möchte die Menschen besser verstehen können, sollte man auch nicht davor zurückschrecken, sich mehr und eingehender mit Psychologie zu befassen. Das ist so ein facettenreiches Thema. Der Kunde soll ja nicht meinen, man will ihm irgendetwas aufdrängen, und andersherum soll er auch nicht das Gefühl haben, man will ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Man sollte wirklich in sich gehen und sich fragen, „ist das mein Ding oder nicht“. Das habe ich übrigens in meiner Klasse auch erlebt, dass Mitschüler gesagt haben, „okay, die Lehre habe ich jetzt gemacht, das war schön, aber jetzt hole ich erst mal mein Abitur nach und mache nochmal etwas ganz anderes.“ Das finde ich mutig, statt sich den Rest seines Lebens irgendwo durch zu quälen.

Was haben Sie denn vorher gemacht, Sie sprachen schon von Ihrem vorherigen Beruf?
Ich war, weit über zehn Jahre, Informationselektroniker und habe im Labor beziehungsweise in der Werkstatt gearbeitet. Dann habe ich mich entschlossen, mehr mit Menschen zu arbeiten. Denn ich habe bis dahin im Prinzip nur mit meinen Messgeräten kommuniziert und mit meinen Kollegen, aber das waren auch nicht so viele (lacht). Die Überlegung war also, etwas Technisches zu machen und dabei auch noch Menschen zu helfen. Ich hab das dann einfach getan. Auch im Hinblick auf bessere Zukunftschancen und der Möglichkeit, vielleicht später in die Entwicklung einzusteigen und dann in meinem Fall beides zu benutzen, also sowohl die Hörgeräteakustikerausbildung als auch mein elektronisches Vorwissen. Ich habe außerdem im Zivildienst mit viel Spaß in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet und dort gelernt, keine Berührungsängste zu haben. Das ist zwar schon lange her, hat mir aber wirklich Tür und Tor zu den Menschen geöffnet. Das war noch ein Grund, die Hörgeräteakustikerausbildung zu machen.

Schließlich haben Sie gesagt, es macht Ihnen immer noch Spaß. Sie arbeiten jetzt also „ganz normal“ als Geselle im Geschäft?
Genau.

Können Sie mal sagen, was Ihre Lieblingsbeschäftigung ist?
Die Hörgeräte anzupassen und zu analysieren, inwieweit ich Einstellungen vornehmen muss, damit der Kunde zufrieden ist. Die Durchführung der Anamnese, das Abfragen von Hintergrundinformationen und die damit verbundene Anpassung, interessieren mich sehr. Außerdem fertige ich gern Otoplastiken an, also die Ohrpassstücke.

Da bin ich erstaunt, man hört ja eher, „um Gottes Willen Otoplastik“. Das scheint ja in der Schule nicht das Einfachste zu sein und auch nicht das Lieblingsfach der meisten Schüler.
Das stimmt, ich muss auch noch etwas dazusagen. Das war nämlich auch nicht grad mein Lieblingsfach, allerdings hatte ich im Betrieb diesbezüglich eine grundsolide Ausbildung, in der konventionellen Otoplastikfertigung und sogar die Möglichkeit bestand, die Otoplastik am Computer zu fertigen. Das macht doch sehr viel Spaß. Mit einem3D-CAD*-Programm, das auf die Otoplastik-Produktion gemünzt ist, kriegt man das mittlerweile recht schnell und gut hin.
*CAD steht für computer-aided design, also computerunterstütztes Entwerfen (Anm. d. Redaktion)

Gibt es etwas, das Gesellen an ihrem ersten Arbeitstag ihrer Meinung nach niemals tun sollten?
Man sollte nicht am ersten Arbeitstag als Geselle ankommen und die Füße hochlegen (lacht). Und nicht vergessen, den alten oder neuen Kollegen einen auszugeben.

Gibt es etwas, dass die Gesellen mit auf den Weg geben möchten, etwas, das Sie ihnen wünschen?
Viel Spaß im Job! Und Geduld zu üben und damit auch Ruhe und Souveränität in die ganze Sache zu bringen. Das ist das Wichtigste.

Also nicht gleich am ersten Tag verzweifeln, wenn man denkt, „oh je, jetzt wird von mir erwartet, dass ich alles kann“?
Das sowieso nie. Das Hauptproblem ist, glaube ich, dass viele Auszubildenden und teilweise auch noch Gesellen, zu hektisch auf Probleme reagieren. Ruhig zu bleiben, macht logischerweise einen ganz anderen Eindruck, als zum Beispiel anzufangen zu zittern. Ruhig zu bleiben, wirkt einfach professioneller. Auch wenn es vielleicht im Kopf rattert und man sich fragt, was tue ich als Nächstes. Aber es findet sich immer eine Lösung und die Kunden sind meistens auch sehr verständnisvoll, also hier im Norden ist das auf jeden Fall so (lacht). Nein, von Kollegen aus dem Süden habe ich genau Dasselbe gehört. Es ist wirklich ganz, ganz selten, dass ein Kunde ausflippt, wenn er ein ernsthaftes Problem hat. Und wenn man dann ruhig auf ihn zugeht und er merkt, „okay, das scheint gar nicht so dramatisch zu sein“, dann geht das. Man muss Ruhe in die Anpassung bringen.

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