Endlich geschafft

Am letzten Juliwochenende fand die Gesellenfreisprechung der Hörakustiker in Lübeck statt. Gemeinsam mit den Eltern, Geschwistern und Freunden begingen die jungen Hörakustiker diesen feierlichen Akt. Zudem hatten sich viele Persönlichkeiten aus Bildung, Wirtschaft und Politik versammelt, um den frischgebackenen Gesellen zu gratulieren.

Es ist der 30. Juli, kurz vor elf Uhr. Der Himmel ist bewölkt, es nie­selt – Ostseewetter. Nach und nach füllt sich die Musik- und Kon­gresshalle (MuK) in Lübeck – hier fin­det gleich die Gesellenfreisprechung statt. Viele der Auszubildenden bewe­gen sich in ihren Anzügen noch etwas ungelenk, ihren Kolleginnen in High Heels und festlichen Kleidern geht es nicht anders. Im Gegensatz zu den stol­zen Eltern, Geschwistern und Freun­den wirken die Prüflinge ein bisschen erschöpft – kein Wunder, haben sie doch in den vergangenen zwei Wochen einen regelrechten Prüfungsmarathon hinter sich gebracht. Während ihrer insgesamt dreijährigen Ausbildung ar­beiteten sie überwiegend in einem Fachbetrieb für Hörgeräteakustik. Den Schulunterricht besuchten sie an der für ganz Deutschland zuständigen Bundesoffenen Landesberufsschule für Hörgeräteakustiker sowie an der Aka­demie für Hörgeräte-Akustik in Lü­beck.

In ihrer Eröffnungsrede erinnert Ma­rianne Frickel, Präsidentin der Bundes­innung der Hörgeräteakustiker KdöR (biha), an das Sommermärchen 2014. Damals habe die deutsche Fußballnationalmannschaft gekämpft und den Pokal durch Ausdauer, Zuversicht und mit einem Quäntchen Glück ge­wonnen. Die meisten Auszubildenden, 569 von 730, haben ihr Ziel im Sommer 2016 ebenfalls erreicht. „Denjenigen, die in die Verlängerung gehen müssen, möchte ich Mut machen. Beim nächs­ten Mal klappt es bestimmt“, sagt Frickel.

Das Geheimnis des Erfolges sei die Beständigkeit des Zieles, zitiert sie den britischen Politiker Benjamin Disraeli. Dann spricht sie die Auszubil­denden von ihren Rechten und Pflich­ten frei. Mit ihrem erfolgreichen Ab­schluss hätten die jungen Menschen den Grundstein für ihre berufliche Zu­kunft gelegt, so die biha-Präsidentin. Ohne Handwerk gehe es nicht. Das müssten Jugendliche, aber auch Kun­den erkennen – durch Qualifikation zur Qualität.

Glückwünsche gibt es auch von der SPD-Bundestagsabgeordneten Gabriele Hiller-Ohm: „Circa 600 junge Menschen haben die Prüfung bestan­den. Wenn wir in anderen Handwerken so viele Gesellen bei der Freisprechung hätten, müssten wir uns über den Fachkräftemangel keine Gedanken ma­chen.“ Die Ausbildung sei anspruchs­voll und schwierig, aber auch innova­tiv. Das mache den Beruf sehr attraktiv, fährt die Politikerin fort. Die Änderung der Berufsbezeichnung von Hörgerä­teakustiker in Hörakustiker heißt sie gut.

„Sie haben einen großen Einfluss auf das Leben und den Alltag hörbe­einträchtigter Menschen“, sagt sie den frischgebackenen Gesellen und erzählt ihnen dazu eine Geschichte: „Ein älte­rer Mann hatte das Gefühl, dass seine Frau nicht mehr gut höre. Aus einer Entfernung von zehn Metern rief er: ,Kannst du mich hören?‘. Keine Reak­tion. Das Gleiche wiederholte sich, als er den Abstand auf drei Meter reduzierte. Als der Mann direkt neben sei­ner Frau stand, antwortete sie: ,Ja, mein Schatz, zum dritten Mal ja.‘“ Gelächter im Saal – wichtig sei eben, dass man sich akustisch verstehe.

Was passiert, wenn die Akustik stimmt, die Technik aber sozusagen übersteuert ist, verdeutlicht Ludger Hegge, Studiendirektor der Landesbe­rufsschule für Hörgeräteakustiker, in seinem Zukunftsszenario. „Wir haben uns heute zum 75-jährigen Jubiläum der Bundesinnung versammelt“, be­ginnt er seine Rede. „Blicken wir zu­rück. 2020 passten die Kunden ihre Hörgeräte mit einer Self-fitting-App an. Alle dafür erforderlichen Daten wurden in der Cloud abgelegt. Dieses perfekte System hatte allerdings einen Haken: Die Kunden hörten zwar sehr ange­nehm, aber sie verstanden sich nicht mehr – auf der zwischenmenschlichen Ebene. Denn Hörgeräteträger waren vernetzt und die Gespräche wurden durch die Cloud öffentlich“.

2025 sei man zu der Erkenntnis gelangt, dass Hörakustiker wieder gebraucht würden – auch weil die Babyboomer zu jener Zeit die Fachgeschäfte stürmten. 2035 habe sich dann der Pillenknick be­merkbar gemacht und Hörsysteme sei­en zu Audiofaces geworden. Durch die­se tragbaren Audioausgabegeräte sei man nun mit allen technischen Gerä­ten verbunden. Hegge beendet seine Zeitreise mit den Worten: „Sie arbeiten jetzt seit 25 Jahren als erfolgreiche Hör­akustiker und ich bin mittlerweile Ihr Patient.“

Ob die Auszubildenden 2041 immer noch zentral in Lübeck beschult wer­den – darauf geht Hegge nicht ein. An­dere Redner sprechen sich jedoch ein­deutig für den Standort aus. So will Hiller-Ohm an dem Modell einer zen­tralen Ausbildung in der Hansestadt festhalten. „In Lübeck hat sich ein Kompetenzzentrum ausgebildet. Hier lehren die Besten an einem Ort. Dass man das mit den Landesberufsschulen hinbekommt, glaube ich nicht.“

Ap­plaus dafür erntet sie insbesondere aus den vorderen Reihen, wo die Honoratioren aus Bildung, Wirtschaft und Politik Platz genommen haben. Hiller-Ohm betont zudem die gute Koopera­tion der Bildungseinrichtungen untereinander: „Anders als in anderen Städ­ten gibt es hier keine Konkurrenz zwischen der Fachhochschule und der Universität.“ Ein solches geballtes Wis­sen im Bereich Hörakustik vereint an einem Standort sei weltweit einmalig. Diese Sicht spiegelt ebenfalls ein AHA-Imagefilm wider, der den 1 400 Gästen in der MuK gezeigt wird. Protagonisten sind ein Auszubildender und eine Stu­dentin, die für den Campus, die Stadt sowie für das Schüler- und Studenten­leben Werbung machen.

Der Zusammenhalt im Ausbildungs­jahrgang 2016 sei gut gewesen, erfah­ren die Gäste von Marco Pfeifer, Spre­cher der Schülerschaft: „Die meisten haben mehr als ein Jahr in Lübeck ver­bracht, das Heimweh war schnell ver­gessen.“ Er werde die Schulzeit in guter Erinnerung behalten. Sein Dank galt vor allem den Lehrern, die für ein fa­miliäres Klima während des Schulunterrichtes gesorgt hätten. Ohne de­ren zahlreiche Tipps und die steten Wiederholungen wäre so mancher Abschluss sicherlich schlechter ausge­fallen.

Trotz des Lobes für die Lehrerschaft kann Alwin Rausch vom Gesellenprü­fungsausschuss nicht umhin, in seiner legendären Tagesschau die gröbsten Fauxpas zu präsentieren, die sich die jungen Männer und Frauen während der Gesellenprüfung geleistet haben. So erfährt die Festgesellschaft, dass zehn mal zehn mal zehn Mal zehn vier­zig ist und dass die Nachhallzeit nicht eingehalten wird, wenn der Schwerhörige zu weit von der Schallquelle ent­fernt ist. Das Schambein sei der Teil des Schädels, in dem das Innenohr liege, zitiert Rausch einen Prüfling und kom­mentierte: „Unwesentlich verrutscht also.“

Dann erklärt der Prüfer, dass sich Richtmikrofone untereinander absprächen, damit sie wüssten, woher die Sprache komme. „Impulsschall ist, wenn es plötzlich kommt“, berichtet er und hat die Lacher erneut auf seiner Seite. Die Stimmung unter den Neugesellen wird zunehmend gelassener, macht ihnen die Tagesschau doch be­wusst, dass die Prüfungen endlich vor­bei sind – auch wenn einige von ihnen im kommenden Jahr noch einmal antreten müssen.

Für eine lockere Atmosphäre sorgt ebenfalls der A-cappella-Chor Cash-n-go. Mit dem Song „Chasing Cars“ von Snow Patrol stimmen die Musiker das Publikum ein und begeistern in der Folge mit ihrem breiten musikalischen Können. Spätestens beim Bee-Gees-Medley hat das Ensemble mit „Too much heaven“ oder „How deep is your love“ den Saal für sich gewonnen. Bei „Saturday night fever“ und dem finalen „Tragedy“ klatscht das Publikum mit. An diese fulminante Diskoeinlage aus den späten 1970er-Jahren schließt sich der nicht minder spektakuläre Tanz­flashmob von Janine Otto, Vorsitzende des Gesellenprüfungsausschusses, an.

Die Inhaberin von Hilkenbach Hörsys­teme bittet Dozenten und Prüfer auf die Bühne und studiert zu „Glow“ von Madcon Tanzschritte ein. Die Tänzer setzen sich in Bewegung und mit ihnen die gesamte MuK. Nachdem die Musik verklungen ist, strömen die Gesellen mit ihren Familien und Freunden nach draußen. Dort scheint nun die Sonne – Kaiserwetter für den Prüfjahrgang 2016.

Nadine Röser